Geologie von Haren (3): Das mittlere Pleistozän

Haren unter einem dicken Eispanzer

Im mittleren Pleistozän erreichten in der Elster-Eiszeit die skandinavischen Gletscher erstmals das nördliche Emsland. Ablagerungen dieser Eismassen mit Geschiebeführung, als Geschiebe werden Steine oder Blöcke bezeichnet, die von Gletschern oder Inlandeis von ihren Ursprungsort verfrachtet und in Moränen abgelagert worden sind, enthalten viel Material aus Norwegen, speziell aus dem Oslofjord. Als ein charakteristisches Geschiebe ist dabei der Rhombenporphyr, (Abb.3), kenntlich an seinen spitz-rhombisch geformten Feldspat-Kristallen, zu nennen. Er stellt somit ein ideales Leitgeschiebe dar. Leitgeschiebe sind Geschiebe aus einem Stein mit gut bekannten und eng begrenzten Herkunftsgebiet, das Rückschlüsse über die Strömungsrichtung des Gletschers oder des Inlandeises zulässt.

Aufgrund seiner Geschiebeführung mit viel norwegischem Material wird angenommen, dass die Elster-Gletscher über die Nordsee in unser Gebiet hereinbrachen. Es wird vermutet, dass diese Gletscher auf der ungefähren Linie Werpeloh – Renkenberge - Walchum, vielleicht auch nördlich davon stoppten, denn im Gegensatz zu der Kiesgrube in Werpeloh und den Saugbaggereien in Renkenberge und Walchum, wo regelmäßig diese norwegischen Geschiebe gefunden werden, sind in den Kiesgruben südlich davon gar keine oder nur sehr selten norwegische Geschiebe zu finden.

Abbildung 3

Abb. 3: Rhombenporphyr, Fundort: Kiesgrube Schlangen, Werpeloh
Abbildung 4
Abb. 4: Herkunftskarte der Leitgeschiebe, Roter Pfeil od. Nr.21 Rhombenporphyr. (aus WWW.Kristallin.de, Matthias Bräunlich)

In einigen Aufschlüssen, wie z.B. in der Sandgrube Schlangen bei Werpeloh, werden diese kiesigen Lagen mit norwegischem Geschiebematerial von weißgelben, parallel geschichteten feinkörnigen Sanden unterlagert. Sie bilden häufig in Aufschlüssen die unterste Einheit und werden daher auch Sockelsande genannt. Da es viele Übereinstimmungen mit den elsterzeitlichen Sanden der Peelo – Formation der Niederlande gibt, sind diese Sockelsande als sehr wahrscheinlich elsterzeitlich anzusehen. Sockelsande sind im Hümmling und südlich davon bis in die Provinz Drenthe in den Niederlanden weit verbreitet. Rund um Haren kann man diese Sande am Hilterberg, am Stertberg (Emener Schweiz), am Emmelner Berg und auch in Meppen – Hemsen antreffen. Sie werden heute häufig als Füllsand abgebaut oder finden in der Herstellung von Kalksandstein Verwendung.

Als weitere elstereiszeitliche Ablagerungen sind dunkelgraue bis bläuliche Tone zu nennen, die auch als Lauenburger Ton bezeichnet werden. Es sind vom elsterzeitlichen Gletscherschmelzwasser transportierte feine Partikel wie Ton und Schluff, die in Niederungen abgelagert wurden. Diese Tone treten heute nur noch im ostfriesischen Raum an die Erdoberfläche. Sie werden seit jeher für die Herstellung von Ziegeln abgebaut. Ein weiteres oberflächennahes Vorkommen dieses Tons befand sich bei Altenberge. Hier wurde dieser Ton in der Vergangenheit für die alte Ziegelei in Rütenbrock zur Herstellung von Ziegeln abgebaut. Die Kirche von Rütenbrock zum Beispiel wurde aus diesen Ziegeln erbaut. Heute zeugt nur der Name „Alte Kleikuhle“ von seiner ehemaligen Existenz. Da der Lauenburger Ton nur im ostfriesischen Raum an die Erdoberfläche tritt, ist anzunehmen, dass die Gletscher der nachfolgenden Saaleeiszeit den Ton der Kleikuhle aus der Tiefe nach oben aufgeschuppt haben.

Die Warmzeit

Mit der nachfolgenden etwa 16.000 Jahre andauernden Warmzeit, dem Holstein- Interglazial, kam die Flora und Fauna wieder zurück ins Emsland. Wahrscheinlich war das Klima in dieser Warmzeit während seines Optimums etwas wärmer als Heute. Waldelefanten und andere Großsäuger dürften auch rund um Haren gelebt haben. Ob auch der frühe Mensch, etwa Homo erectus oder der frühe Neandertaler hier schon jagte, wie z.B. durch Funde im Raum Schöningen bei Helmstedt nachgewiesen, kann nur vermutet werden.

Mit der Klimaverschlechterung am Ende der Holstein-Warmzeit, dem Beginn der Saale-Eiszeit, vermischte sich ein letztes Mal Wesermaterial mit nordischem Material aus den Schmelzwässern der heranrückenden Gletscher. Ablagerungen dieser Materialmischungen sind heute in einer stillgelegten Sandgrube in Renkenberge zu finden.

Die frühe Saale-Eiszeit

In der frühen Saaleeiszeit überfuhren die Gletscher erstmals das Gebiet um Haren. Auf Grund der Leitgeschiebeführung sind mindestens zwei, sehr wahrscheinlich aber drei Gletschervorstöße nachgewiesen. Dieses Stadium der frühen Saaleeiszeit mit seinen Vereisungen wird Drenthe-Stadium genannt. Der erste drenthezeitliche Gletscher brachte viel Material aus Südschweden mit. Er hatte von allen drei Vorstößen die größte Verbreitung. Seine Eismassen drangen in die westfälische Bucht ein, überschritten im Süden stellenweise die Ruhr und erreichten im Westen die Gegend um Amsterdam. Auch überfuhren diese Eismassen das Wiehengebirge und den Teutoburger Wald und drangen bis in die Gegend um Paderborn vor. Hellbraune bis ockerfarbene Geschiebelehme, die in unserer Region weit verbreitet sind, werden als Ablagerungen dieser Eismassen gedeutet. Sie liegen häufig diskordant auf den Sockelsanden auf wie es z.B. ein Aufschluss in Meppen-Hemsen (Abb.5) oder die zur Ems gerichtete Abbruchkante des Stertberges zeigen.

Abbildung 5

Abb.5: weißgelbe Sockelsande liegen diskordant unter etwa 1,2 m mächtigen ockerfarbenen Geschiebelehm des ersten frühsaalezeitlichen Eisvorstoßes. Aufschluss bei Meppen-Hemsen, 2008

Über die Mächtigkeiten dieser Eismasse können nur Vermutungen gemacht werden. Geht man davon aus, dass das Eisschild in Skandinavien eine Mächtigkeit von ungefähr 2000 bis 3000 Metern hatte und nach SKUPIN, SPEETZEN und ZANDSTRA 1993 seine Mächtigkeit in der westfälischen Bucht noch etwa 200 Meter betrug, könnte das Eis in unserer Region noch um die 300 Meter mächtig gewesen sein.

Abbildung 6

Abb. 6: Maximale Ausdehnung des ersten saalezeitlichen Eisvorstoßes in der westfälischen Bucht und angrenzenden Gebieten nach SKUPIN, SPEETZEN und ZANDSTRA, 1993.

Abbildung 7

Abb. 7: Findling oder eiszeitliches Geschiebe an einer Wegekreuzung in Haren-Düneburg. Das Volumen dieses Findlings beträgt etwa 2 bis 3 m3. Es handelt sich um einen grobkörnigen Granit der seinen Ursprung vermutlich in Südschweden hat.

Der zweite saalezeitliche Eisvorstoß

Nach einer kurzen Stagnationsphase brachte nun der darauf folgende zweite saalezeitliche Eisvorstoß viel Material aus Mittelschweden, hauptsächlich aus der Region Dalarne mit. Da seine Ablagerungen nicht so flächendeckend verbreitet sind, kann davon ausgegangen werden, dass seine Eismassen von den Toteismassen des ersten saalezeitlichen Gletschers umgelenkt und kanalisiert wurden. Auch war die Ausdehnung in der westfälischen Bucht nicht mehr so groß, wie die des ersten saalezeitlichen Eisvorstoßes.

Der dritte Eisvorstoß

Der dritte und letzte frühsaalezeitliche Eisvorstoß drang wahrscheinlich aus nordöstlicher oder östlicher Richtung in das norddeutsche Tiefland ein. Moränen dieses Gletschers haben häufig eine rote Färbung und werden ab und zu im Raum Weser-Ems bei Erdarbeiten angetroffen. Dieser Eisvorstoß brachte Geschiebematerial hauptsächlich aus Ostfennoskandien, d.h. aus Südwestfinnland, den finnischen Aland-Inseln, der nördlichen und mittleren Ostsee und Estland mit.

Abbildung 8

Abb.8: Findling oder eiszeitliches Geschiebe an der gleichen Wegekreuzung in Haren-Düneburg. Es handelt sich um einen Aland-Rapakivi und stellt somit ein Leitgeschiebe dar. Man kann ihn leicht an den weißgelben Ringen aus Plagioklas erkennen. Wie sein Name schon sagt, hat dieser Stein sein Ursprungsgebiet von den oder rund um die südwestfinnischen Aland-Inseln, siehe Abb. 4, schwarzer Pfeil. Er ist vermutlich mit dem 3. drenthezeitlichen Eisvorstoß ins Emsland gekommen.

In Ablagerungen des dritten Eisvorstoßes können, falls die Kalksteine noch nicht verwittert sind, wunderbare Fossilfunde, wie z.B. Korallen, Stromatoporen und Trilobiten gemacht werden, die ihren Ursprung in Schweden, der mittleren Ostsee oder Estland haben.

Obwohl die Vereisungen des Drenthe-Stadiums in unserem Raum in einzelnen Schüben stattfanden, sind sie doch mehr oder weniger als ein kontinuierlicher Vorgang anzusehen, wobei unsere Region seit dem ersten Eisvorstoß ständig vom Inlandeis bedeckt war und stagnierendes und aktives Eis sich räumlich und zeitlich abwechselten.

Ablagerungen dieser drei Eismassen sind im Raum Haren vor allem auf den Geestkörpern westlich der Ems von Altharen bis Wesuwe sowie östlich der Ems in der Rakener Heide, der Emener Schweiz, dem Flachen Sand südlich von Emmeln, dem Tinner Loh und dem Höhenzug östlich von Tinnen zu finden. Es sind hauptsächlich die bereits beschriebenen hellbraunen bis ockerfarbenen Geschiebelehme, die dem ersten saalezeitlichen Eisvorstoß zugerechnet werden, aber auch Großfindlinge, zum Beispiel der „Große Stein von Raken“, die nicht selten bei Erdarbeiten gefunden werden. Die vor allem bei der Kartoffelernte zusammengetragenen Steinhaufen sind auch Relikte dieser Eisvorstöße, wobei diese häufig Steine aus Südschweden und der südlichen Ostsee, wie zum Beispiel den Feuerstein als Reste des ersten Eisvorstoßes oder Aland-Rapakivis aus Südwestfinnland als Reste des dritten Eisvorstoßes beinhalten.

Das Warthe-Stadium

Nach einer kurzen Erwärmung und dem Abtauen des Eises fand in etwa in der zweiten Hälfte der Saaleeiszeit eine erneute Klimaverschlechterung statt. In dieser Zeit, welche Warthe-Stadium genannt wird, schoben sich wieder Gletscher, aus Skandinavien kommend, nach Norddeutschland vor. Sie erreichten allerdings nur noch die Lüneburger Heide und das Emsland war somit eisfrei. Hier ist eine tundrenähnliche Landschaft zu vermuten, die sehr wahrscheinlich in den kältesten Phasen des Warthe-Stadiums vom frühen Menschen und eiszeitlichen Tieren nicht bewohnbar war.

Schon zu Beginn des Warthe-Stadiums fand eine Abtragung und Alterung des im Drenthe-Stadium von den Gletschern gebildeten Reliefs statt, die, lässt man das Zutun des Menschen außer Betracht, noch bis heute andauert.

Vor etwa 128.000 Jahren folgte nach der Saale-Eiszeit das etwa 11.000 Jahre andauernde Eem- Interglazial. Mit ihm kam wieder die warmzeitliche Flora und Fauna zurück, die sich bis auf einige Ausnahmen wenig von der heutigen unterscheidet. Im Klimaoptimum dieser Warmzeit waren die Temperaturen sogar noch um einige Grade höher als heute und die Winter waren praktisch eisfrei, was Voraussetzung für das heimisch werden von Tieren wie den Waldelefanten oder das Flusspferd in unseren Breiten war.

Die Eem-Warmzeit kommt

Einen schönes Zeugnis der Eem-Warmzeit stellt eine im Dezember 2008 in einer Sandgrube des Hartsteinwerkes in Haren-Raken aufgeschlossene etwa 1,2 Meter mächtige Torfbank dar. Es handelt sich um einen Bruchwaldtorf, der auf feinkörnigen Schmelzwassersanden aufliegt. Von dem Torfprofil wurden 2009 Proben für eine Pollenanalyse entnommen. Da das Torfprofil fast das gesamte Eem umfasst, spiegelt das Ergebnis dieser Pollenanalyse den Klimaverlauf dieser Warmzeit gut wider: Zu Beginn der Eem-Warmzeit war das Klima noch relativ kalt und trocken, es konnten sich hauptsächlich Kiefern und Birken behaupten. Mit dem allmählichen Wärmerwerden konnten sich immer mehr Laubäume, wie z.B. Erle oder Ulme ansiedeln. Das Klimaoptimum war hauptsächlich mit Eichenmischwald vertreten. Nach diesem Optimum wurde es wieder kühler, eine neue Eiszeit kündigte sich an, es traten Kiefern und Birken auf, die zu Beginn der neuen Eiszeit schließlich wieder verschwanden.

Abbildung 9

Abb. 9, links: Interglazialer Torf von Raken Foto von Dezember 2008.

Abbildung 10

Abb.10: Ergebnis der Pollenanalyse des Interglazialen Torfes nach STRITZKE und, NAMYSLO, 2010. Die Kurve links spiegelt das Vorkommen der Kiefer wider, die zweite Kurve von links die der Fichte, die sechste von links Kurve die der Birke, die vierzehnte von rechts die der Besenheide sowie die die fünfte von rechts die der Torfmoose, die erste von rechts die der Farne.

 

Die Weichsel-Eiszeit: Mammuts in Haren

In dieser neuen vor etwa 115.00 Jahren beginnenden Eiszeit, der Weichsel-Eiszeit, waren die skandinavischen Gletscher wieder auf dem Vormarsch. Die Gletscher erreichten das Emsland aber nicht mehr. Sie bedeckten während ihrer maximalen Ausdehnung nur noch das östliche Schleswig-Holstein, das gesamte Mecklenburg-Vorpommern sowie fast ganz Brandenburg.

Die Region um Haren war in dieser Zeit Bestandteil einer polaren Strauchtundra und bei teilweise etwas höheren Temperaturen Bestandteil einer grasreichen Steppe, wie sie vielleicht heute noch in der Mongolei anzutreffen ist. Kältegewohnte Tiere wie das Mammut, Rentier oder Wollnashorn waren Bestandteil dieser eiszeitlichen Fauna. Sie waren Beutetiere von Raubtieren wie Höhlenlöwe, Hyäne oder in südlichen Regionen dem Höhlenbären. Aber auch Menschen wie der Homo neandertalensis oder später Homo sapiens mussten sich in der polaren Landschaft behaupten.

In dieser Zeit fand im Emsland aufgrund einer fehlenden Vegetation eine weit reichende Erosion der in der Saaleeiszeit gebildeten eiszeitlichen Landschaft statt. Frost, Wasser und Wind hatten hier ein leichtes Spiel. Das Frieren und sommerliche Auftauen der obersten Bodenschichten begünstigte häufig ein Bodenfließen – ausgedehnte Decken aus lockeren Boden bewegten sich hangabwärts.

Abbildung 11

Abb.11: Durch Bodenfließen und Kryoturbationen gestörte saalezeitliche Schmelzwassersande. Abschließend bedeckt durch parallel geschichtete weichselzeitliche Flugsande. Nordwand der Sandgrube in Haren-Raken 2010

Flüsse aus dem Süden, vielleicht auch der Vorläufer der Ems, wuschen in den jahreszeitlich bedingten Hochwasserphasen enorme Sandmassen fort und lagerten diese als Talsande in den Niederungen wieder ab. In den trockenen Phasen des Hochglazials schließlich konnte der Wind aufgrund der fehlenden Vegetation enorme Sandmengen transportieren und als Dünen wieder ablagern. Solche Dünen sind im Emsland weit verbreitet. Sie überdecken häufig weichselzeitliche Talsande oder diskordant saalezeitliche Schmelzwassersande.

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Das Pleistozän ist ein Zeitabschnitt in der Erdgeschichte. In der Hierarchie ist es die untere Serie des Quartär. Es begann vor etwa 2,588 Millionen Jahren und endete um ca. 9.660 J. v. Chr. mit dem Beginn der Holozän-Serie, der Jetztzeit. Dem Pleistozän voraus geht das Pliozän.

Das Mittelpleistozän ist ein Abschnitt der erdgeschichtlichen Epoche des Pleistozän. Es begann vor etwa 781.000 Jahren und endete vor etwa 126.000 Jahren mit dem Beginn des Jungpleistozäns.

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